Das Paradies und seine Schattenseite


Das Erdbeben gestern, am 5. August 2018, war eines der stärksten, die ich hier in Bali je erlebt habe. Das Epizentrum lag, wie schon bei dem schweren Beben vor einer Woche, wieder in der Nähe der Nachbarinsel Lombok, nur diesmal spricht man bis jetzt von mindestens 91 Menschen, die ihr Leben bei diesem Erdbeben verloren haben. Den Rinjani, den Vulkan auf der Insel Lombok, kann man beim Sonnenaufgang an klaren Tagen morgens von unserem Resort aus wunderbar sehen (siehe Titelbild „Sonnenaufgang über Lombok“).

Die einheimische Bevölkerung Balis ist – zumindest in den ländlichen Regionen – geprägt von einer tiefen Spiritualität, die ihre Wurzeln in ihrem hinduistischen Glauben hat. Für die Balinesen gibt es nicht nur Götter, sondern auch Dämonen. Beide sind gleich mächtig und deshalb ist es wichtig, beide im Gleichgewicht zu halten. Es wird den Göttern geopfert auf den Altären der großen und kleinen Tempel – und es werden gleichermaßen Opfergaben auf die Erde gelegt, welche die Dämonen besänftigen sollen. Paradies bedeutet im balinesischen Sinne eine Ausgewogenheit zwischen Göttern und Dämonen, zwischen Hell und Dunkel, zwischen Licht und Schatten – beide Kräfte sind gleich existent und gleich wichtig. Dieser Ansatz ist für mich absolut entscheidend, denn auch in jedem Menschen gibt es diese beiden Anteile und es ist die Aufgabe eines jeden, diese Kräfte in sich mit Respekt anzuerkennen und in Balance zu halten. 

Auch dieses paradiesische Eiland mit seinem üppigen Grün, der Vielfalt von Blüten und Früchten, seinen herrlichen Reisterrassen und der fruchtbaren Erde verdankt diese Pracht einem großen Schatten, mit dem es untrennbar verbunden ist: Es liegt auf dem Pazifischen Feuerring, der sich von der Südspitze Südamerikas hinauf über die Anden, den Westrand Mittel- und Nordamerikas weiter nach Kamtschatka, Japan, die Philippinen, Indonesien bis hin zur Nordinsel Neuseelands zieht! 62% aller weltweit aktiven Vulkane liegen auf diesem Feuerring. Dadurch bildete sich hier jedoch auch unglaublich fruchtbarer Lavaboden, dem Bali seine üppigen Ernten bis zu drei Mal im Jahr verdankt. Denn auf Bali gibt es insgesamt 20 Vulkane, die zum Entstehen dieser Insel beigetragen haben. Zwei davon gelten noch als aktiv: Der eine ist der Gunung Agung, der erst vor kurzem Schlagzeilen machte, der andere ist der Gunung Batur mit seinem wunderschönen Kratersee, den man oben auf der Höhe von Kintamani auf dem Weg nach Ubud so herrlich sehen kann.

Entlang dieses Feuerrings stoßen allerdings auch verschiedene Kontinentalplatten aufeinander. Unsre Erdkruste besteht nämlich nicht aus einem geschlossenen Stück, sondern ist aus verschiedenen Platten zusammengesetzt, die sich an ihren Rändern reiben und drücken. Direkt unter der Insel Bali sind das die Eurasische und die Australische Kontinentalplatte. Unsere Erde ist eine durch das All sausende Kugel und ständig in Bewegung! Somit sind auch die Kontientalplatten immer in Bewegung und verschieben und verkeilen sich. Es kommt zu Spannungen, eine Platte schiebt sich unter die andere – ein Vorgang, den man „Subduktion“ nennt. Ungeheuere Energie baut sich auf in den Tiefen der Erde – die sich dann über die Vulkane nach oben entlädt – und die man vor allem als Erdbeben unter seinen Füßen spüren kann!

Im Klartext heißt das: Wer diese wunderbare Insel bereisen will, die Schönheit, das milde Klima, die unglaubliche Kreativität und Freundlichkeit der Menschen hier erleben und diese besondere Energie der Insel in sich aufnehmen möchte – der muss sich auch der gewaltigen Kräfte dieses Ortes bewusst sein und damit rechnen, dass die Erde hier schon einmal „wackeln“ kann und ein Vulkan dazu geschaffen wurde, die feurige Energie aus den Tiefen der Erde zu Tage zu fördern – und nicht, um Touristen bei Trecking-Touren einen besonderen Kitzel zu verschaffen. Diese Kräfte machen einen Teil des besonderen Zaubers dieser Insel aus und sollten besonders von Besuchern entsprechend respektiert und gewürdigt werden, denn sie sind untrennbar mit der Schönheit im Außen hier verbunden!

In Bali selbst gibt es jetzt nach dem Erdbeben zum Glück nur Sachschäden – die Inselbewohner scheinen die Balance zwischen Göttern und Dämonen gut im Griff zu haben, denn die Götter waren unserer Insel diesmal wirklich gnädig! Noch immer spüre ich jede Menge kleinerer Nachbeben und das ganze Haus knarzt und ächzt dabei leise. Zum Glück gibt es bei uns im Resort außer ein paar herabgefallenen Ziegeln keine gravierenden Schäden. Mögen die Götter uns auch weiterhin ihre Gunst schenken und unser lächelndes Paradies vor Schaden durch die gewaltigen Dunkelkräfte tief in der Erde unter uns bewahren! OM SWASTYASTU!