Adventskalender 12. Dezember

Den Adventskalender 2019 habe ich für meine Tochter geschrieben – die ich hier im Paradies leider nur selten sehe … Hinter jedem Türchen verbirgt sich eine Weisheit, die ich ihr – und jedem, den es interessiert – gerne mit auf den Weg geben möchte. Sie selbst hat mich dazu inspiriert, als sie mich hier in Bali im Sommer gefragt hat, wie das mit dem Glücklich sein eigentlich geht. Lange habe ich darüber nachgedacht, wie ich ihr das erklären soll. Dieser Adventskalender ist meine Antwort darauf!

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„Was Du nicht willst, das man Dir tu …

… das füg’ auch keinem anderen zu!“ Eine sehr weise Aussage, mein Schatz! Du findest sie in sämtlichen Religionen und vielen alten Texten antiker Kulturen. Sie besagt, dass Du niemandem etwas antun sollst, das Dir selbst weh täte, wenn andere Dich so behandeln würden. Oder umgekehrt: Dass Du jeden so behandeln sollst, wie Du selbst gerne behandelt werden möchtest. Was aber geschieht um uns herum tagtäglich?

Ich sehe z.B. traurig, wie vehement derzeit in Deutschland gegen Flüchtlinge gewettert wird … ja, was war denn ein Großteil der Deutschen nach dem Krieg? Richtig! Flüchtlinge! Und ihnen wurde doch auch geholfen, wieder eine sichere Existenzgrundlage zu finden! Und was wäre, wenn wir heute aus Deutschland fliehen müssten, sagen wir mal, nach Afrika?! Wären wir nicht froh, wenn es dort Menschen gäbe, die uns erst einmal freundlich aufnehmen und uns in einer völlig fremden Kultur weiterhelfen würden? Josef und Maria jedenfalls dürften sehr froh gewesen sein, als man ihnen damals in Bethlehem wenigstens einen zugigen Stall für die Nacht überlassen hatte, um das Jesuskind auf die Welt zu bringen … 

Die großen Religionen, in deren Texten diese goldene Regel festgehalten ist, haben sich leider selbst oft nicht daran gehalten! Denken wir als Christen nur einmal an die Zeit der Christianisierung, der Kreuzzüge oder der Hexenverbrennungen … ganze Völkerstämme wurden grausam vernichtet und Menschen unsägliches Leid zugefügt – ein ethisch-moralisches Handeln oder gar ein Vorbild der christlichen Kirche war das ganz sicher nicht! 

Es gibt eine natürliche Achtung, die jeder Mensch vor dem Leben und vor dem Fühlen anderer haben sollte – und so oft leider nicht mehr hat! Doch Rücksicht auf die Bedürfnisse und das Empfinden anderer zu nehmen, ist eine der vornehmsten Pflichten eines Menschen! Ob einer vermögend ist oder minderbemittelt, ob einer schwarze/rote/gelbe/weiße Haut hat, ob gesund oder krank, ob Flüchtling oder Einheimischer, ob einer einen guten Job hat oder arbeitslos ist – das alles verändert NICHTS am Wert eines menschlichen Lebens! Wir ALLE sind nackt und ohne irgendetwas auf die Welt gekommen – und genau so werden wir die Welt eines Tages auch wieder verlassen! Dazwischen sind wir alle gleich – nämlich Menschen, die in ihrem Körper eine Erfahrung auf der Erde machen und glücklich sein möchten! Es täte uns gut, wenn wir das nicht immer wieder vergessen und uns gegenseitig auch auf Augenhöhe als Menschen begegnen würden! 

Wenn Deine MitschülerInnen über Dich ablästern oder Dich gar mobben – bist Du traurig. Ist das nun ein Grund, es ihnen bei Gelegenheit mit gleicher Münze heim zu zahlen? Nein! Denn so hört diese Spirale der Grausamkeiten ja niemals auf! Nur weil andere sich Dir gegenüber Sch… benehmen, musst Du es nicht genau so machen! Von solchen Menschen unterscheidest Du Dich am besten, indem Du anders bist! Du musst auch nicht gleich gut Freund mit solchen Idioten werden, nein, als Freunde kannst Du Dir andere Menschen suchen, die auf Deiner Wellenlänge schwimmen. Aber es Ihnen gleich zu tun, das bedeutet, sich auf deren niederes Niveau hinab zu begeben … und das ist nicht Dein Platz.

Spiele nicht mit den Gefühlen anderer Menschen – Du willst auch nicht, dass man mit Deinen Gefühlen leichtfertig umgeht. Rede nicht schlecht über andere – wenn sie schlecht über Dich reden, bist Du traurig und sie wären es umgekehrt genau so. Schau nicht auf andere herab, die weniger privilegiert sind, wie Du selbst – denn Du möchtest auch nicht, dass man Dich herablassend behandelt. Verlange nicht von jemandem, Dein Klo zu putzen, wenn Du im Gegenzug nicht bereit wärest, sein Klo genau so zu putzen!

Kannst Du Dich noch an den Film „Gandhi“ erinnern, den wir zusammen gesehen haben? Da gibt es eine Szene, in der Gandhi eingeladen wurde zu einem Treffen der Parteimitglieder der Kongresspartei. Lauter wichtige Leute, die da in einem vornehmen Salon zusammen sitzen. Die Tür geht auf und ein Diener bringt ein Tablett mit Tee und Gebäck. Während er noch spricht, steht Gandhi auf, nimmt diesem Diener das Tablett aus der Hand und beginnt, den Anwesenden Tee zu servieren, während er ununterbrochen in seinen Ausführung fortfährt. Und wie Du weißt, war Gandhi einer der herausragendsten Menschen hier auf Erden. Aber er sah sich selbst nicht als jenem Diener überlegen an – er fühlte sich als ein Mensch wie alle anderen auch. Jener Diener war für ihn genau so wertvoll wie jeder der anwesenden, hochdekorierten Kongressabgeordneten – alles nur Menschen! Und in seinem Ashram hat er im übrigen auch die Klos geputzt, wenn er damit an der Reihe war … 

Diese Regel zu befolgen, heißt achtsam, freundlich, respektvoll, friedfertig und aufmerksam allen seinen Mitmenschen zu begegnen. Und wir alle brechen diese Regel so oft … was aber nicht bedeutet, dass sich um deren Einhaltung nicht ein jeder Mensch immer wieder bemühen sollte: Es ist eine Geisteshaltung, die es zu verinnerlichen gilt! Sie gehört eigentlich in die Schulen, wo sie gelehrt und praktisch geübt werden müsste, denn genau das ist es, was junge Menschen wie Du dort lernen sollten: Wie man lebt – und mit sich und mit anderen umgeht!